Erzählungen

Tu doch was!

Miriam erzählt:
Ich erinnere mich noch wie heute daran. Den Männern machte die harte Arbeit in den Steinbrüchen des Pharaos zu schaffen. Ihre Knochen waren kaputt, die Haut war zerschunden. Mager waren sie allesamt. Der Glanz in den Augen der Frauen  war erloschen. Die Hoffnungslosigkeit hatte sie müde gemacht. Keiner glaubte, dass wir je aus dem Frontdienst des Pharao entlassen werden. Und keiner glaubte, dass es noch schlimmer kommen konnte.

Aber es kam noch schlimmer. Der Pharao begriff, dass er uns allein mit harter Arbeit nicht beikommen konnte. Er beschloss, alle Jungen bei der Geburt töten zu lassen. Aber die Hebammen widersetzten sich. Da befahl der Pharao alle kleinen Jungen der Hebräer töten zu lassen.

Die Familien waren in Aufregung. Meine Mutter war verzweifelt. Sie trug ein Kind im Leib. Jeder konnte es sehen. Die Geburt stand kurz bevor. „Wird es ein Junge oder ein Mädchen? Gott, lass es ein Mädchen sein. Mein Kind soll leben!“ Nacht für Nacht hörte ich sie weinen und beten, sie betete und flehte um ein Mädchen Abend für Abend, bis sie in den Schlaf fiel.
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Bibelerzählen. Tu doch was. Simone Merkel
Steinbrüche des Pharaos, Foto: Mario Merkel

Du verpasst etwas

„Es könnte sein, du verpasst was“, sagt die Mutter. Sie steht mit verschränkten Armen in der Tür. Hanna hat sich auf die Matte geworfen. Das Gesicht ist tief in die Kissen gedrückt.
„Steh endlich auf und zieh dich an!“ Die Mutter dreht sich um und geht nach nebenan.

Hanna hört, wie sie mit den Schalen und Krügen klappert. Sie sortiert die Gefäße. Sie will alles in Ordnung bringen, bevor sie das Haus verlässt.
„Und wenn ich nicht will?“, denkt Hanna, „dann kann sie gar nichts tun!“ Trotzig dreht sie sich um. Den Rücken lehnt sie gegen die Wand. Die Knie zieht sie an den Bauch und schlingt die Arme fest um die Beine. Mit schmollendem Mund und finsterem Blick ist sie fest entschlossen, standhaft zu bleiben. „Ich will nicht! Und du kannst nichts dagegen tun!“

Hanna spricht zu sich selbst. Aber ihre Worte sind laut und deutlich.
„Es könnte sein, dass du etwas Schönes verpasst“, ruft die Mutter von nebenan.
„Was soll ich schon verpassen“, murmelt Hanna vor sich hin.
„Eva und Ida werden sicher auch da sein“, versucht es die Mutter von Neuem.
„Pff – Eva und Ida. Die können mir gestohlen bleiben.“
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Bibelerzählen. Du verpasst etwas. Simone Merkel
Uns gehört das Gottesreich, Foto: Mario Merkel

Düsternis über der Stadt

Eine Geschichte wollt ihr hören? Ihr wollt sie mit eigenen Ohren hören? Ihr wollt sie mit eigenen Augen sehen? Eine Geschichte mit Bildern wie aus Träumen? Seid ihr dazu wirklich bereit? Dann spitzt eure Ohren. Schärft eure Augen. Was ich euch jetzt erzähle, habe ich noch niemals zuvor erzählt.

Von einem blühenden Land wollte ich erzählen. Ich wollte von einem Land erzählen, in dem die Quellen klares, reines Wasser hervorbringen. Die Olivenhaine stehen stark und üppig, Weinberge gibt es soweit das Auge reicht. Leuchtend und rot blüht der Hibiskus. Die Menschen tanzen und lachen. Sie danken der Lebendigen. Sie singen: „Lebendige, du Schöpferin des Lebens. Dich loben wir. Dich ehren wir. Dir danken wir.“

Von diesem blühenden Land wollte ich erzählen. Von den glücklichen Zeiten wollte ich erzählen. Ich kann es nicht. Es ist vorbei. Dieses Land gibt es nicht mehr. Diese Zeiten sind Vergangenheit. Unmerklich hat alles angefangen, dieses furchtbare Unglück, dieser unbeschreibliche Schrecken. Nur davon kann ich jetzt erzählen.
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Bibelerzählen, Mimik, Gestik, Simone Merkel
Bibelerzählen Simone Merkel, Fotos: Juliane Menzel

 

Der dicke, der lange und der kleine König

Einst, als Sonne und Mond noch den Rhythmus der Zeit bestimmten und Wegstrecken zu Fuß zurückgelegt wurden, gab es drei Königreiche.

Das erste Königreich lag am Meer. Ein dicker König regierte in diesem Reich. Er liebte die Schiffe und er liebte das Meer. Wann immer er mit dem Schiff auf das Meer hinaus segelte, sprach er: „Mein Reich ist das größte. Es reicht von einem Ende des Meeres bis zum nächsten. Nichts kann sich mit dieser Größe messen.“

Das zweite Königreich lag in den Bergen. Ein langer König regierte in diesem Reich. Er liebte die Gesteine und er liebte die Berge. Wann immer er auf die Berge hinauf fuhr oder in den Berg hinab stieg, sprach er: „Mein Reich ist das mächtigste. Es reicht vom höchsten Gipfel bis in den tiefsten Erdenschlund. Nichts kann sich mit dieser Macht messen.“

Das dritte Königreich lag in den Feldern. Ein kleiner König regierte in diesem Reich. Er liebte die Farbe des reifen Korns und den lieblichen Duft der Blumen der Wiese. Wann immer er durch die Felder streifte, sprach er: „Mein Reich ist das wunderbarste. Es reicht vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang, es reicht von einem Menschenleben bis zum nächsten. Nichts kommt diesem Wunder gleich.“
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