Warten

Warten
Simone Merkel 

Wie ein überdimensionaler Quader liegt das Haus am Rande der Stadt. Der Eingang ist ungastlich. Eine steinerne Treppe mit ausgetretenen Stufen führt zu langen Fluren. Es sind lichtlose Schläuche, unzähligen Türen beiderseits. Vor einer Tür kauert Einer am Boden. Ein Zweiter tritt dazu.  

Ensar: Was tust du hier?

Ivan: Ich warte.

Ensar: Wie lange wartest du schon?

Ivan: Seit Stunden.

Ensar: Das ist zu lang. Das ist definitiv zu lang. Es ist nicht fair, einen Menschen so lange warten zu lassen. Sie haben dazu kein Recht. Es ist immer dasselbe. Sie denken, sie können Leute damit einschüchtern. Sie bilden sich ein, sie könnten ihre Macht ausspielen. Sie haben Spaß daran, andere zu erniedrigen. Das darf man sich nicht gefallen lassen.

Ivan: Kann sein.

Ensar setzt sich neben Ivan auf den gebohnerten Fußboden.

Ensar: Ich warte mit dir. Haben schon Leute vor dir gewartet? Bist du der Letzte?

Ivan: Weiß nicht. Vielleicht.

Ensar: Worauf warten wir?

Ivan: Dass die Tür aufgeht.

Ensar: Ging die Tür schon einmal auf?

Ivan: Nein, noch niemals.

Ensar: (verwundert) Während der ganzen Zeit, während all der Stunden, die du hier sitzt, ist noch niemals die Tür aufgegangen? Wurde auf diesem ganzen langen Flur nicht eine einzige Tür geöffnet?

Ivan: Nein, noch niemals.

Ensar: Wenn bisher keine Tür aufgegangen ist, wird vielleicht auch in Zukunft keine Tür aufgehen. Wie lange willst du denn noch warten?

Ivan: Bis sich eine Tür öffnet. Bis sich diese Tür öffnet. (er zeigt auf die Tür, die direkt gegenüberliegt)

Ensar: (ungeduldig) Dein Warten scheint vergeblich zu sein. Zeitverschwendung, mehr nicht. Ein ganz und gar sinnloses Unterfangen. Du sagst doch gerade selbst, dass sich niemals eine Tür öffnet. (Ensar steht auf.) Ich werde nicht so dumm sein und meine Zeit mit Warten zu vergeuden. (Ensar wendet sich zum Gehen.)

Ivan: Warte. Geh nicht. Warte mit mir.

Ensar: Das Warten müsste einen Sinn haben. Ich müsste etwas erwarten können. (Ensar verschränkt die Hände auf dem Rücken. Er geht den Flur entlang und kehrt zu Ivan zurück.) Hast du schon mal an die Tür geklopft? Hast du schon mal um Einlass gebeten?

Ivan: Nein.

Ensar: (sehr erstaunt) N-E-I-N? Warum nicht? (energisch) Mach schon, steh auf, klopf an die Tür! Sie müssen dich einlassen. Du hast schon lange genug gewartet. Du hast ein Recht darauf eingelassen zu werden. Du kannst das fordern.    

Ivan: Nein.

Ensar: Was, nein. Nein? Du willst nicht fordern? Du willst nicht eingelassen werden? Du willst nicht anklopfen? W-A-S?

Ivan: (sehr leise flüsternd) Ich habe Angst.

Ensar: (verblüfft) Du hast Angst? Wovor hast du Angst?

Ivan: Vor dem, was mich erwartet.

Ensar: (setzt sich wieder zu Ivan auf den Boden und wendet sich ihm zu) Weißt du denn, was dich erwartet?

Ivan: Nein.

Ensar: Aber was macht dir Angst?

Ivan: Die Ungewissheit.

Ensar: Das ist definitiv ein beängstigender Grund. Es ist nicht fair, einen Menschen so in Ungewissheit zu lassen. Sie haben dazu kein Recht. Es ist immer dasselbe. Sie denken, sie können Leute damit einschüchtern. Sie bilden sich ein, sie könnten ihre Macht ausspielen. Sie haben Spaß daran, andere zu erniedrigen. Das darf man sich nicht gefallen lassen.

Mit diesen Worten steht Ensar auf. Beherzt wendet er sich zur gegenüberliegenden Tür. Er drückt die Klinke. Die Tür öffnet sich. Licht flutet den dunklen, schmalen Flur.